Streckenflug Hochries-Saalfelden am 02.06.02, 65 kmSeit zwei Tagen versuchte ich einen Flug vom Alpennordrand nach Süden. Mein Ziel war es, nach Zell am See zu fliegen, und dann, je nach Wetterbedingungen weiter nach Westen oder Osten. Daraus wurde erst mal nichts, weil ein schwer vorhersagbares Höhentief einen Strich durch die Rechnung machte. Angestachelt von den großen Flügen, die zwei Wochen vorher vom Hochfelln gelangen, habe auch ich mich zwei Tage lang am Hochfelln dem Parawaiting hingegeben. Weiter als nach Inzell ging es nie und es gab, trotz NW-Wind keine Chance nach Süden zu fliegen, zu dicht waren die Wolken und zu tief die Wolkenbasis. Außerdem vereitelte der NW-Wind einen frühen Start in den nach SO gerichteten Kessel des Hochfelln. Die Wetterprognose für den nächsten Tag war auch nicht so verlockend, starker NW-Wind ab 2000 m Höhe und auflebender NO-Wind im Alpenvorland. Diese Mischung sollte mir noch einige Probleme bringen. Die Hochries war an diesem Tag mein Startberg. Zuerst gab es trotzdem wie gewohnt Parawaiting am Gipfel der Hochries. Der Ostwind machte sich auch schon zunehmend bemerkbar. Sobald der erste Dummie überhöht hatte, versuchte auch ich mein Glück. Der erste Bart brachte mich auf 2100 m und so konnte ich nach Süden, Richtung Klausenhütte abfliegen. Auch dort ging es wieder auf 2100 m, das sollte für die nächsten Kilometer die maximale Höhe sein. Nun stand die erste Talquerung über das Priental zum Geigelstein an. Der Höhenverlust auf der Gleitstrecke war bitter und jetzt kam alles darauf an, dass es auch von unten wieder hochging. Immerhin wußte ich von einem früheren Streckenflug von der Kampenwand, an welcher Gräte man sich, im Talwind soarend, wieder nach oben retten kann. Das funktionierte auch prima und ich durfte den Geigelstein doch noch vom Mühlhörndl aus von oben betrachten. Weiter ging es genau nach Süden Richtung Brennkopf, und dann den Wolken folgend Richtung Unterberghorn bei Kössen. Die Abflughöhe betrug gute 1700 m, etwas wenig für die 5 km über das Tal. So kam ich bei 1200 m auf der anderen Seite an. Alle meine Hoffnung galt dem Bart über dem Campingplatz, der auch zuverlässig funktionierte und mich immerhin so hoch brachte, dass ich wieder Anschluß an den Aufwind über dem Gipfel des Unterberghorn bekam. Es war teilweise sehr bockig, was an der Windscherung zwischen dem östlichen Talwind und dem starken NW-Wind in der Höhe lag. Bei knappen 2300 m flog ich schon durch die ersten Wolkenfetzen und so ließ ich mich, vom Wind geschoben nach Osten driften. Es stand wieder eine Talquerung an, diesmal zum Fellhorn. Dummerweise hat der Rückwind meinen Gleitwinkel kaum verbessert, der starke Höhenwind bescherte mir im Lee der Wolken großes Sinken. Am Fellhorn sollte man über Gipfelniveau ankommen, sonst hat man mit der Leethermik zu kämpfen, oder der Talwind spült einen nach unten. Bei war es der Talwind, der das Hochkommen vereitelte und so schien der Flug hier zu Ende. Die einzige Chance war der Berg gegenüber, auf den der Talwind prallt. So fand ich mich schnell auf 1000 m und parkte erst einmal im Talwind, in der Hoffnung, dass mich eine eingelagerte Thermikblase wieder nach oben bringt. Die kam auch bald, eng und bockig, sie brachte mich auf knappe 1600 m. Dann verlor ich den Bart. Mit riesigem Sinken und und trotz beschleunigen ganz langsam gegen den Talwind vorankommend, ging es zurück zum Ausgangspunkt. Wie gewonnen, so zeronnen. Ich ließ mich weiter Richtung Waidring driften und war schon wieder auf kläglichen 1000 m. Über einem Hotel ging es dann endlich wieder langsam nach oben. Immer stärker zog der Bart durch, auf 2200 konnte ich aufatmen, ich war wieder dabei. Gegenüber den Loferer Steinbergen flog ich nach Süden Richtung Kirchberg. Die Wolke dort zog nicht mehr, also ging es gleich weiter zur Buchensteinwand. Dieser, von Norden unscheinbare Berg hat den Vorteil, dass er direkt im Talwind steht und so war es nicht so schlimm, dass ich wiedereinmal eben so auf Grathöhe ankam. Nach kurzem Suchen ging es wieder zur Wolkenbasis. Der starke Höhenwind trieb mich auf das Spielberghorn zu, wo es auf die größte Höhe des Tages auf 2600 m ging. Und nun machte ich den entscheidenden Fehler. Anstatt gleich Richtung Stausteigen durchzustarten, versuchte ich an der Rippe bei der Asitz-Hütte nochmal Höhe zu gewinnen. Mittlerweile hatte der Wind auf 30 km/h aufgefrischt. Die Wolke vom Spielberghorn verfolgte mich, sodass ich nur noch im Schatten flog. Es war kein Steigen mehr aufzutreiben, sodass mich das Leoganger Achetal in 1300 m mit bis zu 75 km/h Grundgeschwindigkeit über Saalfelden ausspuckte. Hier traf ich zwar über der Ortschaft wieder auf Steigen, aber es war sehr turbulent, die Luft kochte fömlich. Irgendwie hatte ich keine Lust mehr, mich bei dem Wind über die Berge blasen zu lassen und suchte mir auf der anderen Seite von Saalfelden eine freiangeströmte Wiese zum Landen. Nun ging es noch um die Rückreise. Kaum an der Kreuzung den Daumen rausgehalten, hielt auch schon eine ältere Dame und schimpfte mich, wieso ich mit meinem Riesenrucksack so unmöglich auf der Straße stünde, dass sie nicht richtig anhalten könnte. "Außerdem" sagte sie später "nehme ich Sie nur aus Mitleid mit, weil Ihr Rucksack so groß ist." Die alte Dame war aber doch sehr neugierig wo ich herkam und wo ich hinwollte. So erzählte ich ihr von meinem Streckenflugbenteuer und sie war froh, eine neue Gute-Nacht-Geschichte für ihre Enkel zu haben. So nebenbei erfuhr ich noch, dass sie heute beim Tourengehen in den Tauern war und normalerweise von Salzburg mit dem Rad, statt mit dem Auto fährt. So fit möchte ich in dem Alter auch mal sein. In Schneizlreuth ließ sie mich aussteigen. Zum Pinkeln hüpfte ich schnell in den Wald und als ich zurück kam, machte sich gerade jemand an meinem Packsack zu schaffen. Noch bevor ich mich darüber aufregen konnte, klärte sich die Situation auf: Es war Thorsten Hahne, der vom Hochfelln nach Zell am See geflogen war und auch heimtrampte. Er hatte kurzerhand seinen Fahrer um den Stopp gebeten, um nachzusehen, wessen Packsack da so einsam am Straßenrand stand. Auf diese Weise war auch die letzte Etappe bis zur Autobahn gesichert und so war ich genauso schnell wieder an der Autobahnausfahrt, wie Sissi, die mit dem Auto von der Hochries kam, um mich abzuholen. |
Animation des FlugesBlick vom Brennkopf Richtung Süden. Im Vordergrund der Walchsee, rechts der Zahme Kaiser, dahinter der Wilde Kaiser Das Unterberghorn bei Kössen Die Loferer Steinberge, links unten der Pillersee Im Vordergrund, der Wallerberg, dann die Buchensteinwand, dahinter das Spielberghorn Das Leoganger Aachetal nach Westen. Der Schatten, der Wind und Turbulenzen ließen mich in Saalfelden landen. Der Landeplatz in der Nähe von Saalfelden |
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