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Ein Gleitschirmflug von der Schmittenhöhe bei Zell am See
von Guido Baumer
Eine silbrig glänzende Zigarre pfeift 100 Meter unter mir durch. Das Pfeifen des Segelfliegers ist
zwar nicht laut, aber es macht mir Angst, wie die langen schmalen Flügel die Luft mit ihren
messerscharfen Kanten schneiden. Den Piloten kann ich wegen der Lichtspiege-lungen auf seiner
Glaskanzel nicht erkennen. Er hat uns wahrscheinlich unter unseren großen bunten Gleitschirmen
aufdrehen sehen und grast jetzt selbst die Bergflanken nach Thermikbärten ab. Nicht auszudenken,
wenn so ein Riesenteil mit einem von uns Fetzenfliegern kollidieren sollte. Mit 200 km/h in unsere
vielen Leinen rein. Aber die Kollegen von der geschlossenen Abteilung sind da hoffentlich auf Zack.
Obwohl, ein wenig Angst wird immer bleiben, besonders wenn sie von oben anfliegen, denn zum einen
ist in einem Segelflieger die Sicht nach unten ziemlich eingeschränkt, und zum anderen sind wir für
eventuell erforderliche Ausweichmanöver einfach zu langsam.
Schon wieder 50 Meter Höhe verloren. Jetzt muss ich mich wieder voll auf das Vario und mein Popometer
konzentrieren. Die Thermik ist heute sehr zerrissen und die Wolken hängen immer noch sehr tief. Zudem
sind Klaus und Oli schon außer Sichtweite, die haben mich abgehängt.
Gestartet sind wir auf der Schmittenhöhe, dem gut 1.900 m hohen Aussichtsberg über Zell am See. Eine
offensichtlich sehr noble Gegend, denn für eine Seilbahnfahrt mit Gleitschirm kassieren die 18.- EUR,
ohne dabei rot zu werden. Das sind 36 DM für gut 800 Höhenmeter - man kann es auch unverschämt nennen.
Oben angekommen, wird die Laune auch nicht gleich besser, Die Nebel- bzw. Wolkenschwaden ziehen auf der
Südseite nur langsam nach oben und es weht ein leichter Nordwind. In den Abschattungen ist es noch ganz
schön frisch. Die drei Damen mittleren Alters, die mit uns in der Gondel nach oben gekommen sind, feiern
mit Sekt Geburtstag auf dem Berg und kichern dabei wie Schulmädchen.
Außer uns drei sind noch weitere 15 Gleitschirme und einige Drachen auf dem Berg. Einige Dummies,
das sind die, die freiwillig die Bedingungen austesten, starten schon. Die Startrichtung ist Nord,
dann muss man aber so schnell als möglich, indem man nach links einen Bergkamm umfliegt, auf die
sonnenbeschienene Südseite. Jeder Flug wird von den oben Gebliebenen sorgfältig beobachtet und ab
ein Uhr sehen wir die ersten Gleitschirme, wir sagen "Sind natürlich Hochleister", relativ weit
draussen über dem Tal aufdrehen. Sie markieren damit den vom Nordwind nach Süden gedrückten Hausbart.
Bald haben Sie die Abflughöhe aus diesem Bart erreicht und fliegen trotz der noch immer niedrigen
Basis nach Westen in das Pinzgau rein. Das exakt Ost-West ausgerichtete Tal bietet theoretisch beste
Streckenflugbedingungen, dennoch hatte ich bei meinen bisherigen Versuchen immer etwas vermasselt.
Schlagartig werde ich ungeduldig, jetzt aber los. Ich muss meine Fluggeilheit ein wenig dämpfen,
aber das Anziehen des Fliegerkombis und die Bestückung des Gurtzeugs mit Powerriegeln und Wasserflaschen
kann ja nicht schaden. Klaus und besonders Oli geben sich weit gelassener. Aber schließlich, nachdem
wir alle noch mal beim Bieseln waren, legen wir die Gleitschirme nebeneinander aus. Klaus mit seinem
roten Ohrwaschelschirm Advance Sigma 5 startet als Erster. Bei dem leichten Nordwind braucht man den
Schirm nur kurz vorwärts aufzuziehen und drei Schritte laufen, dann geht es schon los. Jetzt bin ich
mit meinem schönen gelben Ozone Octane dran. Starten und dann gleich nach links rum um´s Eck. Dann
geht es darum, möglichst wenig Höhe bis zum ersten Bart zu verlieren. Der Nordwind macht unsere
Gleitschirme beim Überqueren des Bergkamms ungewöhnlich schnell. Ich peile über die nach Süden
laufende Bergrippe und früher als erwartet schlägt das Vario an, es geht aufwärts. Allerdings
kondensiert die heraufziehende Thermik zu Nebel, zum Teil auch schon unter mir. Die Nebelschwaden
bilden einen Rübezahlbart, mit dicken Strähnen, die nach unten immer mehr verblassen. Zusätzlich zum
Thermikzentrieren peile ich jetzt auch nach unten, um die Wolkenentwicklung einzuschätzen und mich
davon nicht überraschen zu lassen. Ich hasse Wolkenfliegen, vor allem, wenn weitere Fetzen- oder
Stangerlflieger, wie wir die Drachen nennen, unterwegs sind.
Ansonsten stellen sich die ersten Glücksgefühle ein. Das Vario piept zwar noch nicht durchgängig,
aber ein 10-Minutenabgleiter wird dieser Flug auch nicht werden. Die Sonne grinst immer mehr durch
die Wolken und jetzt kann ich erst mal einen Blick auf das Tal und den Zeller See werfen. Im Süden
spitzen die Bergriesen der Hohen Tauern mit ihrem 3.200 Meter hohen Kitzsteinhorn, dem knapp 3.700
Meter hohen Großvenediger und dem 3.800 Meter hohen Großglockner durch die Wolken. Der Traum des
Fliegens geht damit für mich jedes Mal neu in Erfüllung. Ein Flugzeug, das in einem Rucksack Platz
findet, das inklusive Rettungsschirm, Vario, Funkgerät, Gurtzeug und Tagesverpflegung deutlich unter
20 kg wiegt und mich mit Sonnenenergie ohne Motorgeräusche stundenlang durch die Lüfte trägt. Ich
sitze bequem in meinem Gurtzeug dem dicken Protektor unter dem verlängerten Rücken und bin nicht
einmal mehr den Seilbahnbetreibern und ihren 18 EUR pro Auffahrt böse.
Ich verliere an Höhe und von Klaus mit dem roten Sigma und Oli mit seinem blau-gelben Oasis
ist längst keine Spur mehr. Die sind anscheinend schon auf dem Weg zum Gerlospass, dem westliche
Talende des Pinzgaus, rund 50 km entfernt. Schluss mit der Träumerei und ran an die Arbeit, ich
will mich schließlich auch nicht lumpen lassen und in Zell am See landen müssen. Jetzt muss ich
jedes Zupfen am Schirm mitnehmen, alle meine Sinne versuchen jetzt mitzuhelfen, um Höhe zu machen.
Mit den Augen versuche ich nach unten einen festen Punkt zu finden, um den Versatz beim Kreisen und
den Abstand zum Berg abzuschätzen. Ich versuche, jede Bewegung der
Schirmkappe zu registrieren und ich höre auf den Singsang des Variometers und das leise Pfeifen
des Windes an den Ohren. Darum benutze ich einen Halbschalenhelm, mit einem Vollvisierhelm würde mir dieser
akustische Geschwindigkeitsanzeiger fehlen. Langsam geht es aufwärts. Leider liegt die Basis immer
noch auf den Berggipfeln auf und gestattet uns damit nur geringe Arbeitshöhen. Ich fliege jetzt schon
seit 20 Minuten und habe mittlerweile den Startplatz überhöht. Bis zur nächsten Rippe weiter westlich
müsste es schon reichen. Also raus aus dem Bart und abschätzen auf welchem Kurs ich noch über den
nächsten Grat komme, da sollte dann der nächste Bart stehen. Jetzt taucht der Segelflieger unter mir
durch. Nach der Querung bin ich 300 Meter tiefer angekommen und reisse auch gleich einen Bart auf -
beim Kreisen kann ich schon einen Blick zurück zum Startplatz, der Bergstation und der Kirche auf
der Schmittenhöhe werfen. So geht es zwei bis drei Bergrippen weiter.
Mit unserem Funk erreiche ich Klaus und Oli. Nach ihrer Positionsangabe und kann sie dann als
kleine farbige Punkte vor mir sehen. Die Wolken verdichten sich mittlerweile schon sehr stark und
bilden damit große Abschattungen. Eine davon wird Oli mit seinem Oasis zum Verhängnis. Er schrubbt
ziemlich tief über die bewaldeten Berghänge, findet aber keinen thermischen Anschluß. Kurz darauf
bin ich über ihm, allerdings in der Sonne und mit Aufwind. Wir sprechen über Funk ab, dass jeder
nach der Landung versucht, nach Zell am See zu unserem Auto zurückzutrampen.
Klaus geigt jetzt vor dem Pass Thurn auf Gipfelhöhe herum. Der Pass stellt für uns mit der
geringen Basishöhe und dem zu erwartenden Nordwind ein enormes Absaufrisiko dar. Wir sind jetzt
1,5 Stunden unterwegs und der Harndrang meldet sich. Für dieses Problem muss ich bis zur nächsten
Flugsaison eine Lösung finden, denn einfach im Gurtzeug aufstehen und pinkeln, funktioniert nicht.
Aufgrund der Kälte und dem Wind war es mir bisher nicht möglich, mir Erleichterung zu verschaffen.
Aber mit Pariser oder einer Drainageleitung im Fliegerkombi konnte ich mich bisher auch noch nicht
anfreunden.
Ob es in Hollersbach, auf der anderen Talseite schon trägt? Bei Thermik steigt die Luft in den
Alpen nach oben, der Luftnachschub aus dem Alpenvorland erfolgt als Ausgleichswind über die Täler
oder wie im Pinzgau auch über den relativ niedrigen Pass Thurn. So setzt am Nachmittag bei Thermik
ein relativ starker Nordwind über dem Pass ein. Dieser Wind pfeift durch das Pinzgau, prallt bei
Hollersbach auf die Talsüdseite und bildet dort ein Aufwindband, das thermisch durchsetzt sein kann.
In Hollersbach könnte ich dann auch über dem mir bekannten Startplatz landen, bieseln gehen und dann
weiterfliegen. Also los, raus aus dem Bart und auf zur Talquerung Richtung Hollersbach. Ich trete
den Beschleuniger und bin schnell in ruhiger Luft über dem Tal. Jetzt erst mal was trinken und
einen Powerriegel essen.
Der größte Nachteil des Gleitschirms macht sich nun deutlich bemerkbar. Es geht trotz ruhiger
Luft nur langsam voran. Mein Schatten kriecht über das Tal nach Süden und aufgrund des starken
Höhenverlustes wird es schon deutlich wärmer. Tief komme ich an, leider zu tief, um am Berggasthof
in Hollersbach zu landen. Es fehlen mir nur 50 Höhenmeter. Ich schrubbe über die Bäume, aber vom
Aufwind ist nichts zu spüren. Zu früh gequert, der Talwind ist noch nicht aktiv. Schon heißt es
auch schon Landeplatz suchen. Im Pinzgau mit den großen Wiesen ist es relativ einfach. Auch sind
jetzt Ende August die Wiesen alle gemäht und man verursacht beim Landen keine Kollateralschäden.
Nach ausgedehntem Bieseln und einem guten Schluck Münchner Stadtwasser versuche ich Klaus per
Funk zu erreichen. Und ich kann ihn schon sehen. Er quert gerade den Pass Thurn, aber er ist schon
sehr tief. Bis ich meinen Schirm und die andere Ausrüstung wieder im Rucksack verstaut habe, zeigt
Klaus uns wie´s gemacht wird, er dreht auf der Westseite des Passes schon wieder auf. Kaum an der
Straße, werde ich schon von einem jungen Pärchen in einem alten Golf mitgenommen, allerdings zum
Preis von ohrenbetäubender Musik. Sie wollen nach Kaprun zur Mountainbike WM, aber freundlicherweise
machen sie einen Umweg und bringen mich sogar zur Talstation der Schmittenhöhebahn. Schirm schnell
in Olis Auto gepackt und schon geht´s zurück. Da wandert auch schon Oli mit seinem Riesenrucksack
daher. Jetzt sind wir aber gespannt, wie weit es Klaus als Tagessieger heute geschafft hat. Wir
gabeln ihn in Neukirchen auf, das sind immerhin 40 km Flugstrecke. Für die heutigen Wetterverhältnisse
und unsere Fluggeräte gar nicht mal so schlecht.
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