Cayenne2 Kurztest

Vorausgehend möchte ich bemerken, dass ich als Teampilot in 2006 mit dem Cayenne2 im OLC fliege. Damit stehe ich zwar nicht auf der Gehaltsliste von Skywalk, dennoch solltet ihr um die Umstände wissen. Vorsichtshalber vergleiche ich nur mit Schirmen dieses Herstellers. Ich weiß, dass es einige ungern sehen, wenn indirekt Werbung gemacht wird. Andererseits bin ich geistig unabhängig, ich sage offen wo ich stehe und jeder kann sich seinen eigenen Reim drauf machen.

Zum Material des Cayenne2: Es gibt einen neuen Leinenmix. Galerieleinen Dyneema, Stammleinen Tecnora. Über die Vor- und Nachteile verschiedener Leinenmateralien kann man endlos diskutieren, es gibt keine Leine, die dünn und dauerknickfest ist und gleichzeitig auch noch geringe Dehnung und wenig Schrumpfen aufweist. Solange es nichts besseres gibt, wird es ein Kompromiss bleiben, egal auf welchen Leinentyp ein Hersteller setzt. Generell dürfte nach meinem Geschmack auch die Sortierbarkeit besser sein. Ich stelle das ganz allgemein in den Raum. Am Stubai Cup habe ich einige Schirme anderer Hersteller ausgelegt, danach schienen mir im Vergleich die Cayenneleinen durchaus leicht entflechtbar, aber rumfummeln muss man auch da. Es wäre halt so ein allgemeiner Wunsch von mir, einmal schütteln und fertig. Die Tragegurte des Neuen sind schön fest und griffig. Der Bremsgiff ist mit einem flexiblen Steg wesentlich weicher als früher. Was auffällt, ist, dass die Rolle durch die die Bremsleine läuft, beim Beschleunigen mehr Weg bekommt. Der Vorteil ist, dass man dadurch den Bremsvorlauf noch kürzer halten kann, ohne beim Beschleunigen die Segelhinterkante zu beinflussen. Laut Manfred Kistler wird "beschleunigt dadurch auch die Stabilität deutlich besser."

Als Segeltuch kommt an der Eintrittskante im Obersegel Porcher Marine 9092E85A zum Einsatz. Es ist nicht nur extrem alterungsbeständig und UV-stabil, es ist auch sehr leicht. Derzeit in der Summe der Eigenschaften angeblich das beste Tuch auf dem Markt. Im hinteren Bereich des Obersegels und im Untersegel wird das bewährte 9017E77A von Porcher Marine verwendet. Es ist sehr reissfest, nicht ganz so gute Luftwerte wie das E85A, aber das spielt an dieser Stelle auch keine Rolle, dafür aber nochmal um 10 % leichter. Die Größe S wiegt auf meiner Waage mit Innensack 6,1 kg, die Größe M 6,5 kg. Einige Designübergänge sind verklebt und mit außenliegenden Nähten verarbeitet. Das hat wegen der Fadenziehgefahr bei dornigem Startgelände auch Nachteile, jedoch bietet diese Verarbeitung laut Skywalk noch weniger Verzug beim Nähen.

Beim Starten merkt man, dass man sehr schnell Druck in der Kappe hat, auch bei Flaute von hinten. Der Cayenne2 steigt rundum sorglos und man ist schnell in der Luft. Das ist wirklich vorbildlich. Dennoch muss man auch diesen Flügel bei Rückenwind am Anfang etwas hochführen. Dann ist man selbst bei wiedrigen Bedingungen schnell in der Luft. Beim Rumspielen bei mehr Wind fällt auf, dass er im Vergleich zum C1 nicht so nervös ist, sich schöner in den Wind stellt und dadurch weniger Korrekturen verlangt. Indirekt macht sich das auch beim Vorwärtsstart bemerkbar, denn Seitenwindstarts sind noch einfacher.

Mittlerweile war ich mit dem Cayenne2 schon ein paar mal beim Thermikfliegen. Die Bremsen sprechen sehr direkt an, man kann mit erstaunlich wenig Input fliegen. Das Verhälnis aus Gewichtsverlagern und Bremsen finde ich ideal. Insgesamt scheint der Flügel etwas gedämpfter um alle Achsen als der Vorgänger, bei dennoch höherer Drehfreude. Auch bei unruhigen Gleitflügen bleibt der Schirm schöner über einem, als der alte C1. Gröbere Scherungen veranlassen Flügel zum Rascheln, so als würde ein Hase über das Obersegel laufen. Das Feedback ist skywalktypisch direkt. Den Schirm könnte man blind fliegen, man wüsste immer, was über einem los ist. Das finde ich vertrauenserweckend, wenn man die hervorragende Rückmeldung des Schirmes auch umsetzen kann. Wenn man das Handling auf ein Wort reduzieren müsste, würde mir da hochpräzise einfallen, etwa die Mischung aus Poison und C1. Große schnelle Kreise, kleine langsame, kleine schnelle, große Langsame, alles ohne Aufwand zu fliegen. Würde man den Vergleich mit Musik ziehen, könnte man sagen, man hat beim Kurven- und Thermikfliegen nun ein paar Oktaven mehr zur Verfügung.

Steilspirale geht schnell einzuleiten, allerdings sollte man auch genauso aktiv ausleiten können. Zum B-Stall benötigt man am Anfang viel Kraft, der Rest ist dann ohne besondere Vorkommnisse. Bei einseitigen Klappern verhält sich der Cayenne2 fast schon schulungstauglich, öffnet allerdings gemächlich Zelle für Zelle, man kann fast schon mitzählen, so als führe man mit dem Fingernagel über Spielkarten. Beschleunigte Klapper werden zweiertypisch schon etwas dynamischer, gelegentlich klappt der gegenüberliegende Stabilo mit ein. Ohrenanlagen ist einfach, die Ohren mögen einen kleinen Impuls, damit sie zuverlässig wieder aufgehen. Hohe Wingover sind sehr schnell erreicht, selbst mit der untergewichtig geflogenen M-Größe. Man kommt cremig leicht in SAT-Manöver. Der Anspruch an das Timing ist dabei gering. Gut für Leute, die freestylemäßig am Lernen sind.

Mir ist auch aufgefallen, dass der Strömungsabriss relativ gemütlich ist. Man kann erstaunlich lange am Stallpunkt herumfummeln, bevor der Flügel das Fliegen aufhört. Und auch dann ist die Stallerei eher harmlos. Vorfüllen nach einem Fullstall ist dennoch angeraten, sonst können die Stabilos verhängen.

Es wurde bei der Entwicklung sehr viel Aufwand in die Leistungssteigerung gesteckt. Nachdem einige Leistungsflügel vom Fluggefühl eher gewöhnungsbedürfig sind, war ich am Anfang skeptisch, bevor ich den Cayenne2 das erste mal flog, ob dieser Schirm wieder ein Allrounder werden, er sich nicht nur zum Streckenfliegen, sondern auch zum Herumturnen eignen würde. Ich denke, das ist mehr als gelungen. Wer das Skywalkhandling mag, wird auch diesen Schirm lieben. Ihr merkt schon, ich bin ein Fan direkter Schirme mit guter Rückmeldung. Das muss aber jeder selber ausprobieren, ob er damit zurechtkommt. Oft hängt es auch davon ab, auf welchen Geräten man im Laufe seines Fliegerlebens sozialisiert wurde und was einem liegt.

Beim Beschleunigen taucht der Cayenne2 wesentlich weniger weg, als der Vorgänger. Dennoch ist der Fahrtzuwachs enorm, wobei die Höchstgeschwindigkeit der Größe M einen Hauch schneller zu sein scheint als beim S. Die Trimmung ist angeblich gleich. Ich bin ein paar mal mit anderen Piloten parallel geflogen. Leistungsmäßig schaut es gut aus, aber jeder weiß, dass Leistungsvergleiche wirklich schwierig sind. Eigenlich kann man das abschließend erst nach einer Saison abschätzen und man muss schon viele Querungen gleichzeitig mit anderen Schirmen bei unterschiedlichsten Bedingungen machen, bevor man es wagen sollte, dazu eine Aussage zu treffen. Sehr wichtig finde ich vor allem auch das Gleiten in ruppiger Luft. Da enttäuschen oft auch Flügel, die in ruhiger Luft als gute Gleiter gelten. So kann man einstweilen nur mal mit den Männern von der Entwicklung, Manfred, Arne oder Jürgen zur Seite treten und unter der Hand deren Einschätzung einholen. Man hört, dass es besonders schwierig ist, Leistungsvergleiche in unruhiger Luft zu machen und dass sie sehr viel Zeit investiert haben, um den Cayenne2 besonders in dieser Eigenschaft gut hinzubekommen. Augenmerk legten sie auch auf die Flugstabilität im Schnellflug. Als Fazit scheint es, als dürfte ich für schlechte Flüge in dieser Saison eine Ausrede weniger haben. Aber andere Firmen haben auch nicht geschlafen und es ist sicher so, dass es mit den neuen Modellen 2006 insgesamt im Gleitschirmbau wieder ein gutes Stück voran geht.

In Turbulenzen, vor allem beschleunigt, beginnt der Schirm etwas zu arbeiten. Mir ist es nicht gelungen, unprovozierte Klapper zu erfliegen, obwohl ich absichtlich durchs Lee gebrettert bin. Es fliegt sich erstaunlich stabil. Irgendwie verschluckt der Flügel die Windscherungen geradezu und man kann zusehen, wie er sie im Inneren verdaut. Er raschelt und bewegt sich und bleibt doch ein ganzer Flügel. Andererseit kommen ja die wirklich harten Bedingungen noch, man wird sehen, wie er sich dann schlägt. Einstweilen finde ich das Verhalten sehr vertrauenswürdig.

Die Jetflaps sind auch noch nach Jahren heiß diskutiert, auch der Cayenne2 hat nun diese Ausstattung. " Leistung kostet es definitiv nicht, " so Manfred Kistler auf meine Frage, "im Trimmflug und beschleunigt ist der Kanal fast geschlossen. Wir haben an dieser Stelle nur sehr geringe Druckdifferenzen und es gibt deswegen praktisch keine Durchströmung. Wir haben sehr viele Vergleichsflüge gemacht und beim Cayenne2 hast du es ja schon gemerkt, da ist im Trimmflug und bis Halbgas zu 2-3ern nichts um." Was aber, so frage ich mich nun, ist dann der eigentliche Vorteil von Jet Flaps bei Leistungsflügeln, bei denen es auf geringe Minimalgeschwindkeit eigentlich gar nicht so sehr ankommt, fliegen doch meist sehr gute Piloten damit herum. "Der Vorteil," sagt Manfred, "liegt darin, dass der Auftrieb beim beidseitigen Anbremsen stärker ansteigt als ohne Flap. Wenn du nur mit einer Bremse kurbelst, dann ist der Effekt nur äußerst gering. Mit beiden Bremsen aber kannst Du langsamer kreisen, tiefer bremsen. Ich glaube, man steigt auch besser wenn es dadurch einfacher zu kurbeln ist." Nun, beim Poison scheint dieses Konzept aufgegangen zu sein, zumindest steigt dieser Schirm sehr gut. Angeblich ist der Cayenne2 in dieser Hinsicht sehr ähnlich. Die ersten Kreise am Bischling haben mir gefallen, ich konnte mich schnell durch den Pulk nach oben schieben. Jedoch bleiben das vorerst eher Einzelbeobachtungen, es scheint mir zu früh, eine endgültige Aussage zu machen. Zumal nachwievor gilt, wo keine Thermik ist, nützt auch die beste Kletterhilfe nichts. Es liegt halt am Piloten. Dennoch bin ich gespannt auf die ersten längeren Thermikflüge.

Für welches Pilotenniveau ist der Cayenne2 nun der richtige Flügel. Er stellt an den Piloten durch die kürzen Steuerwege und das Hochleisterfeeling etwas höhere Anforderungen, als das Vorgängermodell. Andererseits ist die Rückmeldung und die Kontrollmöglichkeit hervorragend. Klapperreaktionen empfand ich als im Klassenvergleich gutmütig. Wer sich fliegerisch weitergebildet hat, kann ohne weiteres umsteigen. Jede Firma sagt natürlich gerne, unser Flügel ist der Topleister im unteren Gütesiegelsegment. Zum Glück finden immer mehr Hersteller zurück zur Ehrlichkeit. Sonst überfordern sich immer mehr Piloten und verlieren langfristig den Spaß am Fliegen. Es gilt ganz allgemein für alle Leistungszweier und auch für diesen Flügel: Es braucht schon eine Portion Flugerfahrung und Können. Dann allerdings hat man treue Begleiter auch in anspruchsvollen Bedingungen und sie bieten genug Leistung, um auch sehr große Runden zu drehen. Wer dieses Jahr einen neuen Flügel auf Sportklasseniveau sucht, sollte den Cayenne2 auf alle Fälle in die engere Wahl nehmen.

Viel Spaß beim Probefliegen wünscht Oliver.