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Streckenflug im Pinzgau am 31.08.02
"Soll ich stehenbleiben?" fragt Guido angesichts der Hagelkörner, die auf das Autodach trommeln. Nein, der Lack wird es schon aushalten. Trotzdem ist das ein heftiger Abschied nach diesem Flugtag im Pinzgau. Wir,
das sind Klaus, Guido und ich,
entscheiden uns für Sonnenschein und verlassen das Salzachtal Richtung Norden, um uns an der Kössener
Fliegerbar zu stärken und beim Bier unsere Eindrücke aufzuarbeiten.
Am Abend vorher stellt sich die ewige Frage, wo es am besten ginge und wo die weitesten Flüge möglich würden.
Wie so oft ist der Wetterbericht auch keine wirkliche Hilfe. Obwohl wir jedes Wettermodell hin- und
heranalysieren, bleibt doch das Misstrauen, ob der diesjährigen Erfahrungen, sehr groß. Wir entscheiden
uns letztendlich für das Pinzgau, viel Fahrerei zwar für einen Tag, doch der Streckenflugvirus benebelt
unsere Sinne und was tut man nicht alles für die Fliegerei.
Unser Ausgangspunkt ist die Schmittenhöhe auf 1950 m und die Wolkenbasis liegt vielleicht
zwischen 1900 und 2100. Zudem kommt
der Wind aus NW mit 10 km/h. Ich ernte schräge Blicke, als wir aus der Bergstation in die frische Luft treten,
weil,
zugegebenermaßen habe ich die Jungs zu diesem Ziel überredet und schon der hohe Fahrpreis hat Guidos Stimmung
einen Dämpfer verpasst. Im übrigen hat er sein Geheimstreckenflugdoping nicht bekommen: Die obligatorische
Leberkässemmel. Die euphorische Streckenflugstimmung schlägt dann in Anbetracht der Wetterverhältnisse
endgültig um. Wir ergehen uns in Absondern von
Durchhalteparolen und vertiefen die selektive Wahrnehmung. Man braucht ja nur da hinzuschauen,
wo es momentan ganz gut aussieht. So warten wir halt erst mal und keiner wagt zu denken, dass es
daheim beim Schleppen, der Alternative für diesen Tag, gerade richtig gut geht und dass das halt
vor der Haustüre gelegen hätte.
Es trudeln immer mehr Streckenjäger ein und ein paar Ungeduldige starten. Deren Flugbahn wird von
vielen Fliegeraugenpaaren verfolgt und nachdem die ersten auch an der nächsten Rippe nicht abgesoffen
sind, starten auch wir.
Die Bärte sind zerrissen und bei Basishöhen von 2200 bis 2400 ist der Pinzgauer Spaziergang heute eher
ein Klettersteig. Die Aufwinde reissen weit draussen ab und ein Großteil der Hänge ist im Schatten. Das
macht das Weiterkommen schwierig. Einige Flieger haben wohl Röntgenaugen, zumindest scheinen sie die
Orientierung in den Wolken nicht zu verlieren. Die Stangerl und Stoffdichte ist jedenfalls groß, sodass
ich versuche jeden Wolkenkontakt zu vermeiden. Zu allem Überfluß sausen auch noch einige Segelflieger
an mir vorbei. Denen gegenüber meine ich, in der Luft zu stehen. An einer Rippe über Uttendorf fragt mich Klaus,
der unter
mir am Hang kratzt, ob ich zurückfliege. Nein sage ich, ich hole mir erst wieder ordentlich Höhe, weil
der nächste Hang voll im Schatten ist und er täte gut daran noch nicht dorthin zufliegen. Ein sehr schlauer
Rat von mir. Ich habe es auch gleich selbst ausprobiert und bin hingeflogen. Ich habe nichts erwischt,
zum Zurückfliegen bin ich zu tief, also weiter zur nächsten Rippe, wieder nichts, zwischendrin immerwieder
gute Ansätze, die sich nach einigen Umdrehungen Höhengewinn im Nichts auflösen. So kann ich mich zwar noch
eine Weile halten und mache mich oberhalb Mittersill auf den Rückweg, der allerdings mit der Höhe nicht mehr weit führen kann
und so stehe ich bald am Boden. Es stimmt also, ich habe es bewiesen: ein Hang im Schatten bietet wenig
Aufwind. Ein sattes Eigentor. Die erkämpften 29 Kilometer sind zwar ein Streichergebnis beim OLC, dem
Streckenflugwettbewerb bei dem ich dieses Jahr mitmache, aber trotzdem bin ich mit diesem Flug
zufrieden, weil ich viel gelernt habe und es eben schwieriger ist, bei diesen Verhältnissen 20 km zu
fliegen als bei Hammerwetter 50 km.
Über mir packen Klaus und Guido diese Stelle sehr erfolgreich. Guido wechselt dann die Talseite nach
Hollersbach, um festzustellen, dass der Pass-Thurn-Wind, der einen auch aus niedriger Höhe wieder nach oben
schiebt, erst eine halbe Stunde später aktiv ist. So steht er auch hier am Boden, 30 km vom Ausgangpunkt entfernt.
Klaus kann den Pass Thurn queren und gräbt auf der anderen Seite noch einen Bart aus, der ihm die
Höhe bringt, um bis nach Neukirchen abzugleiten. So ist er heute unter uns der Tagessieger mit 40 km.
Wir sind uns einig, es hat sich trotz des Aufwandes für alle gelohnt und Guido ist mit dem Pinzgau
wieder versöhnt, nachdem es bisher dort für ihn, was das Streckenfliegen anbelangt, eher frustrierend war.
Wir kommen wieder. Ansonsten
bereiten wir uns geistig schon auf den Flug auf die Marmolada vor, Wein und Brotzeit für das Gipfelpicknik sind
schon so gut wie gepackt, nur das zentrale Hoch über den Alpen fehlt noch. Wir sind optimistisch,
dass es diesen Herbst noch kommt.
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